Die Regisseurin Katja Paryla inszeniert Maxim Gorkis „Nachtasyl“ am Theater Vorpommern in Greifswald. Ein Gespräch über Probenarbeit, Demut vor der Bühne und die Banalität des Alltäglichen
Frau Paryla, Sie sind eine namhafte Regisseurin, haben aber ursprünglich als Schauspielerin im Theater und Film begonnen. Was hat Sie zu dem Wechsel von der Bühne hinter die Bühne bewogen?

Regisseurin mit Leib und Seele: Katja Paryla
Paryla: Nun, ich habe damit recht spät angefangen. Es kam eigentlich dadurch zustande, dass ich die Möglichkeit bekam, an der Hochschule für Schauspiel „Ernst Busch“ in Berlin junge Schauspieler zu unterrichten. Und ich merkte, dass ich einen unglaublichen Spaß an der Arbeit mit jungen Schauspielern hatte. Und letztlich fand ich es erfreulich, als Regisseurin mit Schauspielern zu arbeiten, gemeinsam einer Idee, einem Weg zu folgen. Es ist wie Spielen im Buddelkasten, man kann neue Ideen entwickeln, alte verwerfen. Und das macht mir Spaß.
Derzeit inszenieren Sie das „Nachtasyl“ von Maxim Gorki am Theater Vorpommern in Greifswald. War es eine Produktion aus eigenem Wunsch oder gab es ein Angebot vom Theater Vorpommern?
Paryla: Nein, es ist selten, dass eine Produktion aus eigenem Wunsch entsteht. Das Theater hat mir vorgeschlagen, das Stück zu inszenieren. Ich nehme an, dass man das Stück aufgrund der gegenwärtigen politischen Ereignisse sowohl in Deutschland als auch global ausgewählt hat, da das Stück vielleicht dadurch eine gewisse Brisanz hat.
Könnten Sie den Inhalt des Stückes kurz umreißen oder sagen, weshalb es ausgerechnet in Greifswald gespielt wird?
Paryla: Oh Gott! Das ist eine schwierige Frage, weil sie so global ist, dass man sie in wenigen Zeilen nicht beantworten kann. Den Inhalt eines solchen Stückes zu erklären ist verdammt schwer. Ich habe es vorhin erwähnt, ich denke, wir spüren alle, dass es in Deutschland und der Welt Menschen gibt, die in Situationen geraten sind, aus denen sie nicht mehr herauskommen und gegen die sie sich wehren. Das Merkwürdige bei diesem Stück ist, dass man das Gefühl hat, da ist eine Gruppe von obdachlosen Menschen an einem Endpunkt. Sie haben eigentlich keine Hoffnung mehr. Was ich so spannend daran finde ist, dass wir eine Situation haben, in der Menschen von heute auf morgen in Situationen gelangen, die sie immer für unmöglich gehalten haben. Es sind vor allem Menschen aus verschiedensten Schichten, dem Mittelstand, vielleicht auch Professoren. Es ist nicht so, dass man den Ärmsten der Armen zusieht. Das hat mich sehr an dem Stück gereizt.
Der Inhalt ist sehr ernst, fast schon pessimistisch. Wie nähert man sich einem so hoffnungslosen Stück?
Paryla: Diese Frage ist spannend, gefällt mir, denn genau diese Frage habe ich mir zusammen mit der Dramaturgin Catrin Darr und dem Bühnenbildner Alexej Paryla auch gestellt. Wir saßen davor und dachten, die Leute haben das Gefühl, sie müssten sich umbringen, wenn sie das Stück sehen. Ich denke, der Punkt ist, dass sich manche Situationen so zuspitzen, dass sie schon wieder eine objektive Komik bekommen. Auch das hat mich an diesem Werk interessiert. Situationen, die einen an eine Soap oder gar Trash erinnern und dadurch komisch werden. Man muss am meisten lachen, wenn es am schlimmsten ist. Das ist im Grunde mein Credo, dass ich bei aller Verzweiflung und allem Pessimismus Situationen suche, in denen man die allgemeine Banalität des Alltäglichen findet, die ja sehr komisch sein kann.
In Ihrer Inszenierung wird auch eine Studentin der Universität Greifswald auf der Bühne zu sehen sein. Was raten Sie jungen Menschen, die sich beruflich in die Theaterwelt begeben wollen?
Paryla: Nun, ich glaube, dass es für den Bereich Regie sehr wichtig ist, dass man zuschaut und offen ist für viele Inszenierungen. Vor allem aber sollte man wissen, warum man Theater machen will. Die Frage ist, ob man was erzählen kann, etwas in der Welt bewegen will. Außerdem denke ich, dass etwas dazu gehört, was heute ein wenig abhanden gekommen scheint und zwar die Demut vor dieser Bühne, diesem „Brett“, und zwar in allerhöchstem Maße.
Frau Paryla, vielen Dank für das Gespräch und für die Premiere viel Erfolg.
Die Premiere von Maxim Gorkis „Nachtasyl“ findet am 26. Februar 2011 um 19.30 im Theater Vorpommern in Greifswald statt.
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(Das Interview ist in geänderter Form im moritz-Magazin Februar lesbar.)