nachtgedicht an susi

der künstler sieht wie sie schläft

einzuschlafen beginnt

ein zucken

ein lächeln

der künstler sehnt sich nach ihr

ihrem lächeln

ihren berührungen

ihrer wärme

der künstler sieht wie sie schläft

er erträumt sich eine welt mit ihr

nur mit ihr

ihrer liebe

ihrer wärme

ihrer nähe

der künstler sieht wie sie schläft

er bedauert seine fehler

seine lügen

seine bedenken

denn sie

sie sie sie sie sie sie

SIE

ist alles für ihn

alles was er fühlen sehen riechen schmecken erleben

LIEBEN

will

der künstler sieht wie sie schläft

seine liebe

seine frau

seine zukunft.

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Freundschaft, Kunst und Hundefutter – Marc Degens: „Das kaputte Knie Gottes“

Wie gestaltet sich eine Freundschaft zweier Männer zwischen Künstlerdarsein und Studium? Wie gestaltet sich eine Freundschaft, wenn eine Zigarre rauchende Frau dazu stößt? Und wie überlebt man als Künstler im heutigen Kulturdschungel? All diesen Fragen widmet sich der jüngst erschienene Roman von Marc Degens auf eindrückliche und wunderbar leichtfüßige Art und Weise. Mark, Lehramt-Student zwischen Schriftstellerei und gesicherter Zukunft als Pädagoge und sein Freund Dennis, passionierter freischaffender Bildhauer – eine Freundschaft seit frühen Schultagen, verbunden nicht zuletzt durch das Interesse an Kunst und Kultur. Während der eine sich für den abgesicherten Weg entscheidet, verfällt der andere hoffnungslos der Kunst und versucht, sich mit skurrilen Tätigkeiten wie einem Nachtjob im Pornokino sein Geld zu verdienen.

Nach dem „Bocksprünge“-Abspann traten zwei laut diskutierende aus dem Kinosaal, keiner wollte den anderen zu Wort kommen lassen. „Also mir hat ja besonders die Kameraführung am Anfang gefallen“, sagte ein vielleicht vierzigjähriger Glatzkopf mit Nickelbrille. „Diese genialen Spiegelszenen. Das wirft ein Licht auf die geheimen Wünsche der Figuren. Wie bei Fassbinder.“

Plötzlich gelangt eine Frau ins Handlungsspiel und die Idee, eine Künstlergruppe zu gründen legt so manche Probleme und Absurditäten des Kunst- und Kulturbetriebes offen. Es folgen eine Hautallergie mit katastrophalen Folgen, eine immense Lieferung Hundefutter sowie ein unvorhergesehener Karrieresprung in den Kultursumpf Berlins. Letztlich eine Vielzahl an Überraschungen, heiterer wie tragischer Art. Bei allem Humor und dem einen oder anderen oberflächlich gestalteten Handlungsstrang gelingt Marc Degens ebenso eine Hommage wie auch spitzfindige Abrechnung mit unserer heutigen Kunst- und Kulturszene.

Über den Pissoirs hingen gerahmte Fotos von Kindern mit Penisnasen und Vaginamündern. Die minderjährige Künstlerin, die diese Collagen gemacht hatte, war, wie Dennis mir später erzählte, ebenfalls an Bord. Sie stammte aus einer Künstlerfamilie und hatte bereits mit vierzehn ihren ersten Kunstpreis erhalten.“

Die Anhäufungen von tragisch-komischen Episoden aus dem Leben der beiden Hauptfiguren wirken, trotz ihrer Konstruiertheit, keineswegs vorhersehbar oder gar langweilig. Marc Degens gelingt in seinem Roman genau Gegenteiliges: Ist eine gewisse Erwartungshaltung an die Handlung aufgebaut, wird sie durch tragisch-komische Einfälle umgeworfen und eine neue aufgebaut. Einige Wehrmutstropfen werden jedoch bei banalen Schilderungen von Marks sexuellen Abenteuern vergossen, welche stilistisch an drittklassige Groschenheftchen erinnern und keineswegs zum Rest des Buches zu passen scheinen- ob Absicht oder Schönheitsfehler sei dahingestellt. Degens zeichnet das Porträt einer Männerfreundschaft, welche, soviel sei verraten, anders endet als man zu Beginn der Handlung vermuten mag. Verstrickt in die Banalitäten wie Brutalitäten des Alltags der Kunst- und Lebenswelt. So gelingt dem Autor ein Roman über die Kunst, das Studium, ein Buch über die Liebe mit all ihren Licht- und Schattenseiten. Nicht zuletzt ein Roman über die Irrungen und Wirrungen des Künstler- und Menschenlebens.   Marc Degens: Das kaputte Knie Gottes; KNAUS Verlag; 253 Seiten; 17,99€

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Quo vadis, Theater Vorpommern?

Wohin geht es mit dem Theater Vorpommern? Diese Frage stellt sich (nicht nur, jedoch stärker) nach der Betrachtung des folgenden Beitrags von Greifswald TV

Anbei findet ihr auch den Aufruf des Mitarbeiters vom CDFI Greifswald, von dem am Ende des Spots die Rede ist:

Aufruf gegen die Entlassungswelle am Theater Vorpommern

Es bleibt abzuwarten, inwiefern sich noch Änderungen der derzeitigen Situation ergeben oder nicht ergeben…

…oder kann man, darf man, sollte man vielleicht mehr tun als nur zu warten?

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Ein Buch voller Probleme – Caryl Phillips „Jener Tag im Winter“

Wie schön hätte es werden können, den jüngst erschienenen Roman „Jener Tag im Winter“ von Caryl Phillips zu lesen? Ein Buch über die Lebenskrise eines Mannes und eine verhängnisvolle Affäre mit seiner Arbeitskollegin. Ein Buch über Konflikte zwischen Kindern und Eltern, nicht zuletzt aber über die heutige Situation der schwarzen Einwohner Londons.

Keith Gordon erlebt im Verlauf der Handlung, wie verhängnisvoll eine Affäre am Arbeitsplatz verlaufen kann. Nach der Trennung bezichtigt ihn seine Kollegin Yvette der sexuellen Belästigung und setzt damit eine Katastrophe in Bewegung, wie man sie aus manchen zweitklassigen Filmen zu kennen glaubt.

„Als Paar haben sie nie etwas geteilt außer der zeitweiligen Zweckmäßigkeit ihres einstigen Ehebettes, und wie attraktiv er sie auch finden mag, weiß er doch sehr wohl, dass ihre Beziehung keinerlei Substanz hat.“

Zudem gestaltet sich das Verhältnis zwischen dem Endvierziger und seinem Sohn Laurie aus geschiedener Ehe als problematisch, da er in eine Spirale der Jugendgewalt abzurutschen droht. Und als wären dies nicht schon Probleme genug muss sich die Hauptfigur auch den eigenen Problemen mit dem Vater stellen. Auch das Thema der Rassendiskriminierung findet seine Anwendung. Als
ablenkende Nebenhandlung wird zu alledem eine Polin aufgeführt, welche als „schöne Unbekannte“ erscheint und ebenso rätselhaft verschwindet.

Man kann ohne Zweifel sagen, dass Phillips’ Roman viel verspricht, jedoch bleibt es beim Versprechen. Durch Verflechtung unzähliger Motive, welche keinesfalls belanglos sind, verzettelt sich der Leser und schwankt so zwischen Beschreibungen der Stadt London, Abhandlungen über Jazz-Musik und zwischenmenschlichen Konflikten unterschiedlichster Art. Durch seitenlange Fließtexte, welche ohne Absätze getrennt, dafür jedoch mit einer Vielzahl von Zeitsprüngen versehen sind, fällt es schwer sich in dem Buch, insbesondere aber dem Verlauf der Handlung auch nur geringfügig zu orientieren.

„Plötzlich lässt der Verkehr für einen Moment nach, und er starrt über die Wiese hinweg und fühlt sich von einer Blase von Stille umgeben. Er fühlt sich ausgesetzt und verwundbar. Klein. Ein beschleunigender Laster schießt vorbei, dann noch einer. Das ist es also?“

Es scheint teilweise, als habe man sich im Buch verlaufen, wie die Hauptperson im eigenen Leben oder ein Tourist in einer Großstadt. Viel gravierender jedoch erscheint, dass es keinerlei Überraschungen gibt, alles verläuft in altbekannter Manier. Es gleicht einem Spielfilm, bei dem man das Ende am Anfang bereits erahnen kann und sich nicht wundert, wenn die Handlung voranschreitet. Man ist nicht verwundert, dass die Probleme im Laufe des Buches zunehmen. Ebenso ist man eher gelangweilt, wenn sich die Hauptfigur schließlich dem so verhassten Vater annähert oder den Sohn über die Probleme der schwarzen Jugendlichen aufzuklären versucht. Auf 362 Seiten hätte man eine interessantere, auf weniger Themen konzentriertere Geschichte gerne gelesen. Leider bleibt das dem Leser dieses Romans entschieden verwehrt.

Leider nur eine Ansammlung von Versprechungen: Caryl Phillips "Jener Tag im Winter"
Leider nur eine Ansammlung von Versprechungen: Caryl Phillips „Jener Tag im Winter“

Caryl Phillips: Jener Tag im Winter; 362 Seiten; DVA Verlag, 21,99€                      Shop

(Die Rezension ist auch in  der jüngst erschienenen Ausgabe des moritz-Magazins vorhanden.)

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Heimat.

Unsere Heimat, singt der Kinderchor, das sind nicht nur die Städte und Dörfer. Ja, Heimat sind auch die Heimatsuchenden. Die, die Heimat suchen oder mal gesucht und schließlich gefunden haben. Auch die Heimatvertriebenen, vertrieben, ausgetrieben aus ihrer Heimat, nun  ohne ein Dach über dem Kopf. Sie  stehen kopflos in der Landschaft, in den Städten und Dörfern, auf den Wiesen, in den Einkaufsstraßen und suchen ihre Heimat, Heimat suchende Menschen da sie ihre andere los sind. Weil sie heimatlos sind. Aber manchmal lässt man auch die Heimat hinter sich und verlässt sie, bis es dann irgendwann heißt „zurück zu den Wurzeln“. Die Vertriebenen wälzen sich durch die Straßen in der neuen unbekannten Stadt und suchen ein Dach für ihren kopflosen Körper.

Es gibt auch Heimatvertreter, in Anzügen und mit Krawatten ziehen sie von Haus zu Haus und verkaufen einem eine neue Heimat, irgendwo anders ist die Heimat viel schöner, sagen sie, ziehen Sie doch aus ihrer jetzigen aus und suchen sich eine neue Heimat. Früher war es anders, da gab es den neuen Beruf des Heimatvertreters nicht. Es wurde bei Beheimateten angeklopft und sie wurden vertrieben aus den Häusern, den Wohnungen, in denen sie zuvor durchtrieben gehaust hatten und es trieben. Im Hellen oder im abgeschlossenen Keller. Heimatlos zogen sie durch die Lande und fanden eine neue Bleibe – aber keine Heimat.

Unsere Heimat, singen der Arbeiterchor und der Kinderchor, das sind nicht nur die Städte und Dörfer. Nein, es ist auch unser Land. Du bist Deutschland schreit es uns aus der ZEITUNG entgegen. Du bist Deutschland!! Du bist Sozialstaat, Rente, Arbeitslosenversicherung und Krankenkassenbeitrag, schreien die Heimatvertreter. Du bist aber auch Merkel und 3 Millionen Arbeitslose, du bist Holocaust und Holocaustmahnmal, letztendlich nur ein einfacher schwarzer Stein in Berlin. Unsere Heimat, das sind auch unsere Denkmäler, die denkenden Mäler, die den Weg zum einkaufen verkürzen können. Du bist Deutschland und Superstar, Unser Star für Düsseldorf, Glückwunsch!, schreien die Fernseher in den Geschäften und mitten im Leben stehend. Den Heimatlosen ist es egal, da sie wissen, dass sie auch Papst sind.

Unsere Heimat, singen der Neonazi-, der Arbeiter und der Kinderchor, das sind nicht nur die Städte und Dörfer. Nein, es sind auch diejenigen, die die Heimat verteidigen. Keine Soldaten, sondern die richtigen Heimatschützer mit Lanzen und Trommeln und Schilden, auf denen ihr Motto steht: „BlaBla!“ Sie marschieren durch die Heimat und verteidigen sie durch stumpfes Brüllen, durch ausgetretene Ideologien. Und die Beheimateten stehen und schauen und schweigen. Ja, sie schweigen in ihren beschaulichen Heimen vorm Fernseher und denken Du bist Deutschland, du bist Unterhaltung, du bist Volksmusik und Oktoberfest und VW Golf. Das denken sie in ihren Städten und Dörfern. In den beschmutzten Städten und Dörfern, verdreckt von den Nest-, den Heimatbeschmutzern, die mit offenen und wachen Augen durch die Heimat gehen und nicht schweigen in der Heimat. Sie machen die Heimat dreckig, mit Texten, Liedern oder einfachen Gedanken. Heimatkundler mögen keine Nestbeschmutzer. Und keiner mag den Dreck im Nest wegkehren, dafür sind auch die Heimatschützer da.

Unsere Heimat, singen der Rentner-, der Neonazi-, der Arbeiter und der Kinderchor, das sind nicht nur die Städte und Dörfer. Die Heimat ist auch die Altenheimat, wo sie sitzen, in Zimmern allein. Ja, nicht in Städten oder Dörfern, sondern kleinen Zimmern, und nachmittags kommt die Gesellschaftsstunde, in der sie schweigsam oder stumm nebeneinander sitzen und belustigt tun. Leblose Körper in Clownskostümen in der Altenheimat. Bis sie die Heimat verlassen, bis sie Heimatverlassene sind, aber keine Vertriebenen mehr. Lediglich nicht mehr Heimatbewohner.

Und alle singen weiter und weiter das alt bekannte Lied, immer mehr kommen hinzu, selbst die Heimatvertriebenen singen mit:

Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer,…

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du hast mich

Glückwunsch! Wenn ich in Gesprächen mit Freunden plötzlich einfach abwesend bin, beim Gehen durch die Stadt nur noch lächeln muss (weil ich nicht anders will!) und es schwer fällt sich zu konzentrieren, kann ich nur sagen:

Du hast mich.

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Kopf-WG – Gedankenprotokoll

Schon seltsam, wirklich. Während er versucht, ein Stück über das konsequente Scheitern zweier Menschen zu schreiben, lernt er einen Menschen kennen, der ihm das Gegenteil zeigen könnte.

Das Leben ist manchmal schon ein komischer Geselle. Während der Optimismus soeben den Raum verlassen hat, um eine kleine Nebenbeizigarette zu rauchen, steht er im Raum, mitten im Leben, damit manchmal einigen anderen Menschen und öfter noch, sich selbst im Weg.

Komm wieder rein, ruft er dem Optimismus zu. Der jedoch denkt nicht im Geringsten daran, wozu auch? Um sich irgendwelchen Tagträumen hinzugeben? Realität ist ja auch nur so ein relativer Begriff. (Nebenbei bemerkt, Realitätsferne ist neuerdings Untermieter bei ihm geworden). Was ist schon real? Das Aufstehen an einem Tag, an dem man nichts zu erledigen hat? Gespräche mit Menschen, Freunden oder anderen? Was ist schon real? Vielleicht sind wir letztendlich ja doch nur von Labormäusen gezüchtet worden. Wer weiß das schon so genau. Gut, die Antwort auf alles kennen wir ja schon. Die Frage ist lediglich, ob wir den Anhaltern in der Galaxis glauben oder nicht.

Wenn jetzt das Leben hier wäre, es könnte ein Fest sein. Aber nun heißt es noch ein wenig Warten. Verbunden fühlen mit dieser ekelhaften Geduld, die sich gerade wieder mal in einem Nachwinterschlaf die eigene Gleichgültigkeit zu beweisen scheint. Und all meinen Mitbewohnern ist ja so glasklar, was mir fehlt.

Und je mehr ich daran denke, desto näher rückt ein Moment, den ich noch vor Monaten im Wunschtraumglas geext hätte.

Schon seltsam, wirklich, denkt er sich. Denke ich mir. Stop, denken er und ich wirklich dasselbe? Sollte mich nochmal mit ihm (oder mir?) gründlich unterhalten. Vielleicht bringt es ja was, ein Glas reinen Wein oder so.

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ganz großes kino.

definitiv ein blockbuster!!

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Schneestürmische Selbstsuche – Elfriede Jelinek: „Winterreise“

Auf den ersten Blick mag es seltsam erscheinen, dass an dieser Stelle ein Buch rezensiert wird, welches den Beinamen „Ein Theaterstück“ trägt. Jedoch eignet sich das neue Werk der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek durchaus als Lesedrama. Als Anregung diente der Autorin der gleichnamige Liederzyklus des romantischen Komponisten Franz Schubert. Romantik jedoch findet man nicht in Jelineks Winterreise. Vielmehr hält sie der wirren modernen Gesellschaft ein weiteres Mal den Spiegel vor und erschafft eine Art literarischen Bilderbogen der Moderne. Dabei bleibt sie keinesfalls an einem Thema haften, vielmehr Die Auswirkungen der Wirtschaftskrise werden ebenso thematisiert wie die Konsequenzen der Sozialen Netzwerke oder der Entführungsfall Natascha Kampusch und ihre Rückkehr in die Gesellschaft.

 

„Sie lügt. Sie war die Zeit doch da. Sie war verloren, aber verlorengegangen, das war sie nicht. Sie hätte die ganze Zeit doch gut dasein können. Warum war sie denn überhaupt weg? Das wäre doch nicht nötig gewesen!“

 

Verbunden werden die Stationen der Reise durch Fortspinnungen, die man in dieser Kunstfertigkeit selten gelesen hat. Ein Gedanke, manchmal nur ein Wort eines Satzes wird benutzt und im folgenden Abschnitt verändert, manchmal gar ins Gegenteil gekehrt. Nicht  zuletzt ist es der großartige analytische Blick, mit dem Jelinek auf unsere Welt zu schauen scheint. Vereinsamung, Entfremdung durch digitale Welten, gestörte zwischenmenschliche Beziehungen. Es herrscht eine Kälte, welche Endzeitstimmung hervortreten lässt. Es gelingt der Autorin zudem auf wunderbare Weise, mit vereinzelten Sätzen aus Schuberts Liedern zu spielen, sie für ihre Gedanken geschickt benutzt. Was bei Schubert eine flehende Bitte ist, wird bei Jelinek zu einer Abkehr, aus Liebesbekundungen werden Szenarien der oberflächlichen sexuellen Triebe geformt. Zeitweilig gleichen die Satzgeflechte einem Schneesturm, wie man ihn in diesem Winter erleben konnte.

 

„Nehmen Sie diesen Menschen jetzt an oder nicht, fragt die Post, die sich durch einen Klingelton, durch ein Posthorn, vorher angekündigt und verständlich gemacht hat, nehmen Sie diesen Menschen jetzt an oder nicht“

 

Auffällig ist die Konzeption des Stückes, welches mit gesellschaftlichen Problemen wie der Finanzkrise beginnt, und immer weiter ins Innere der sprechenden Person dringt. Jelinek arbeitet sich von außen nach innen vor und begibt sich nicht zuletzt auch auf eine Reise in ihre Biographie. Der Vater, der in die Psychiatrie eingewiesen wird taucht ebenso auf wie eine gestörte Beziehung zur eigenen Mutter. Es scheint, als sei ihre Winterreise ihr vielleicht persönlichstes, ehrlichstes Stück. Der von ihr oftmals verwendete Sarkasmus bleibt aus, es werden keine Untergangsszenarien geschildert sondern Tatsachen beschrieben, als würde die Stimme im Text alles in der Welt klar und deutlich sehen, wie den Boden eines durch die Eisfläche. Gerade diese Klarheit, diese unaufgezwungene Ehrlichkeit ist es, was das Stück nicht nur sehens- sondern auch lesenswert macht. Schubert wäre vielleicht erfreut, würde es das Stück sehen können. Vielleicht wäre er auch erschrocken zu sehen, wie seine romantisch-verklärten Lieder auf die Klarheit Jelineks treffen. Klarheit, die man heute gerne erspart wissen will.

 

Elfriede Jelinek: Winterreise; erschienen im rowohlt Verlag, 127 Seiten, 14,95€ Amazon

 

 

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„Man muss lachen, wenn es am schlimmsten ist“ – Interview mit der Theaterregisseurin Katja Paryla

Die Regisseurin Katja Paryla inszeniert Maxim Gorkis „Nachtasyl“ am Theater Vorpommern in Greifswald. Ein Gespräch über Probenarbeit, Demut vor der Bühne und die Banalität des Alltäglichen

Frau Paryla, Sie sind eine namhafte Regisseurin, haben aber ursprünglich als Schauspielerin im Theater und Film begonnen. Was hat Sie zu dem Wechsel von der Bühne hinter die Bühne bewogen?

Regisseurin mit Leib und Seele: Katja Paryla

Paryla: Nun, ich habe damit recht spät angefangen. Es kam eigentlich dadurch zustande, dass ich die Möglichkeit bekam, an der Hochschule für Schauspiel „Ernst Busch“ in Berlin junge Schauspieler zu unterrichten. Und ich merkte, dass ich einen unglaublichen Spaß an der Arbeit mit jungen Schauspielern hatte. Und letztlich fand ich es erfreulich, als Regisseurin mit Schauspielern zu arbeiten, gemeinsam einer Idee, einem Weg zu folgen. Es ist wie Spielen im Buddelkasten, man kann neue Ideen entwickeln, alte verwerfen. Und das macht mir Spaß.

Derzeit inszenieren Sie das „Nachtasyl“ von Maxim Gorki am Theater Vorpommern in Greifswald. War es eine Produktion aus eigenem Wunsch oder gab es ein Angebot vom Theater Vorpommern?

Paryla: Nein, es ist selten, dass eine Produktion aus eigenem Wunsch entsteht. Das Theater hat mir vorgeschlagen, das Stück zu inszenieren. Ich nehme an, dass man das Stück aufgrund der gegenwärtigen politischen Ereignisse sowohl in Deutschland als auch global ausgewählt hat, da das Stück vielleicht dadurch eine gewisse Brisanz hat.

Könnten Sie den Inhalt des Stückes kurz umreißen oder sagen, weshalb es ausgerechnet in Greifswald gespielt wird?

Paryla: Oh Gott! Das ist eine schwierige Frage, weil sie so global ist, dass man sie in wenigen Zeilen nicht beantworten kann. Den Inhalt eines solchen Stückes zu erklären ist verdammt schwer. Ich habe es vorhin erwähnt, ich denke, wir spüren alle, dass es in Deutschland und der Welt Menschen gibt, die in Situationen geraten sind, aus denen sie nicht mehr herauskommen und gegen die sie sich wehren. Das Merkwürdige bei diesem Stück ist, dass man das Gefühl hat, da ist eine Gruppe von obdachlosen Menschen an einem Endpunkt. Sie haben eigentlich keine Hoffnung mehr. Was ich so spannend daran finde ist, dass wir eine Situation haben, in der Menschen von heute auf morgen in Situationen gelangen, die sie immer für unmöglich gehalten haben. Es sind vor allem Menschen aus verschiedensten Schichten, dem Mittelstand, vielleicht auch Professoren. Es ist nicht so, dass man den Ärmsten der Armen zusieht. Das hat mich sehr an dem Stück gereizt.

Der Inhalt ist sehr ernst, fast schon pessimistisch. Wie nähert man sich einem so hoffnungslosen Stück?

Paryla:  Diese Frage ist spannend, gefällt mir, denn genau diese Frage habe ich mir zusammen mit der Dramaturgin Catrin Darr und dem Bühnenbildner Alexej Paryla auch gestellt. Wir saßen davor und dachten, die Leute haben das Gefühl, sie müssten sich umbringen, wenn sie das Stück sehen. Ich denke, der Punkt ist, dass sich manche Situationen so zuspitzen, dass sie schon wieder eine objektive Komik bekommen. Auch das hat mich an diesem Werk interessiert. Situationen, die einen an eine Soap oder gar Trash erinnern und dadurch komisch werden. Man muss am meisten lachen, wenn es am schlimmsten ist. Das ist im Grunde mein Credo, dass ich bei aller Verzweiflung und allem Pessimismus Situationen suche, in denen man die allgemeine Banalität des Alltäglichen findet, die ja sehr komisch sein kann.

In Ihrer Inszenierung wird auch eine Studentin der Universität Greifswald auf der Bühne zu sehen sein. Was raten Sie jungen Menschen, die sich beruflich in die Theaterwelt begeben wollen?

Paryla: Nun, ich glaube, dass es für den Bereich Regie sehr wichtig ist, dass man zuschaut und offen ist für viele Inszenierungen. Vor allem aber sollte man wissen, warum man Theater machen will. Die Frage ist, ob man was erzählen kann, etwas in der Welt bewegen will. Außerdem denke ich, dass etwas dazu gehört, was heute ein wenig abhanden gekommen scheint und zwar die Demut vor dieser Bühne, diesem „Brett“, und zwar in allerhöchstem Maße.

Frau Paryla, vielen Dank für das Gespräch und für die Premiere viel Erfolg.

Die Premiere von Maxim Gorkis „Nachtasyl“ findet am 26. Februar 2011 um 19.30 im Theater Vorpommern in Greifswald statt.

Tickets

(Das Interview ist in geänderter Form im moritz-Magazin Februar lesbar.)

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