Wie schön hätte es werden können, den jüngst erschienenen Roman “Jener Tag im Winter” von Caryl Phillips zu lesen? Ein Buch über die Lebenskrise eines Mannes und eine verhängnisvolle Affäre mit seiner Arbeitskollegin. Ein Buch über Konflikte zwischen Kindern und Eltern, nicht zuletzt aber über die heutige Situation der schwarzen Einwohner Londons.
Keith Gordon erlebt im Verlauf der Handlung, wie verhängnisvoll eine Affäre am Arbeitsplatz verlaufen kann. Nach der Trennung bezichtigt ihn seine Kollegin Yvette der sexuellen Belästigung und setzt damit eine Katastrophe in Bewegung, wie man sie aus manchen zweitklassigen Filmen zu kennen glaubt.
„Als Paar haben sie nie etwas geteilt außer der zeitweiligen Zweckmäßigkeit ihres einstigen Ehebettes, und wie attraktiv er sie auch finden mag, weiß er doch sehr wohl, dass ihre Beziehung keinerlei Substanz hat.“
Zudem gestaltet sich das Verhältnis zwischen dem Endvierziger und seinem Sohn Laurie aus geschiedener Ehe als problematisch, da er in eine Spirale der Jugendgewalt abzurutschen droht. Und als wären dies nicht schon Probleme genug muss sich die Hauptfigur auch den eigenen Problemen mit dem Vater stellen. Auch das Thema der Rassendiskriminierung findet seine Anwendung. Als
ablenkende Nebenhandlung wird zu alledem eine Polin aufgeführt, welche als “schöne Unbekannte” erscheint und ebenso rätselhaft verschwindet.
Man kann ohne Zweifel sagen, dass Phillips’ Roman viel verspricht, jedoch bleibt es beim Versprechen. Durch Verflechtung unzähliger Motive, welche keinesfalls belanglos sind, verzettelt sich der Leser und schwankt so zwischen Beschreibungen der Stadt London, Abhandlungen über Jazz-Musik und zwischenmenschlichen Konflikten unterschiedlichster Art. Durch seitenlange Fließtexte, welche ohne Absätze getrennt, dafür jedoch mit einer Vielzahl von Zeitsprüngen versehen sind, fällt es schwer sich in dem Buch, insbesondere aber dem Verlauf der Handlung auch nur geringfügig zu orientieren.
„Plötzlich lässt der Verkehr für einen Moment nach, und er starrt über die Wiese hinweg und fühlt sich von einer Blase von Stille umgeben. Er fühlt sich ausgesetzt und verwundbar. Klein. Ein beschleunigender Laster schießt vorbei, dann noch einer. Das ist es also?“
Es scheint teilweise, als habe man sich im Buch verlaufen, wie die Hauptperson im eigenen Leben oder ein Tourist in einer Großstadt. Viel gravierender jedoch erscheint, dass es keinerlei Überraschungen gibt, alles verläuft in altbekannter Manier. Es gleicht einem Spielfilm, bei dem man das Ende am Anfang bereits erahnen kann und sich nicht wundert, wenn die Handlung voranschreitet. Man ist nicht verwundert, dass die Probleme im Laufe des Buches zunehmen. Ebenso ist man eher gelangweilt, wenn sich die Hauptfigur schließlich dem so verhassten Vater annähert oder den Sohn über die Probleme der schwarzen Jugendlichen aufzuklären versucht. Auf 362 Seiten hätte man eine interessantere, auf weniger Themen konzentriertere Geschichte gerne gelesen. Leider bleibt das dem Leser dieses Romans entschieden verwehrt.

- Leider nur eine Ansammlung von Versprechungen: Caryl Phillips “Jener Tag im Winter”
Caryl Phillips: Jener Tag im Winter; 362 Seiten; DVA Verlag, 21,99€ Shop
(Die Rezension ist auch in der jüngst erschienenen Ausgabe des moritz-Magazins vorhanden.)